Dr. Seidel im Interview

Juli 14, 2015
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Rheuma – wenn die Gelenke steif werden

Plötzlich schmerzende Gelenke, eine Entzündung der Augen und der Haut sowie andere organische Leiden – die St_Georg_2015_326Symptome von Rheuma sind sehr vielseitig. Bei der Erkrankung unterscheiden die Ärzte über 100 verschiedene Formen. Welche am häufigsten sind und wie sich die Krankheit am besten behandeln lässt, erklärt Dr. Wolfram Seidel, Chefarzt am Klinikum St. Georg.

Dr. Seidel, was versteht man unter Rheuma?
Rheuma ist ein Sammelbegriff für Funktionseinschränkungen am Bewegungsapparat, also an Muskeln, Gelenken, Sehnen und Bändern. Wir unterscheiden verschiedene Arten. So gibt es nichtentzündliche rheumatische Erkrankungen wie Arthrose. Zu den entzündlichen Gelenkerkrankungen zählen die Wirbelsäulenerkrankung Morbus Bechterew und der Gelenkrheumatismus. Seltener sind entzündliche Gefäßerkrankungen. Diese fangen meist mit Gelenkbeschwerden an, beeinträchtigen im Verlauf jedoch den gesamten Körper – von der Haut über das Nervensystem bis zu anderen Organen. Auch Gicht gehört zu den rheumatischen Erkrankungen.

Mit welchen Fällen haben Sie es am meisten zu tun?
In der Klinik begegnen uns am häufigsten die entzündlichen Gelenkerkrankungen. Etwa 0,8 Prozent der Deutschen leiden unter rheumatoider Arthritis. Im Großraum Leipzig sind es zwischen 6000 und 8000 Menschen. Bei einer weiteren Ausprägung dieser Krankheit ist hauptsächlich die Wirbelsäule betroffen – auch bekannt als Morbus Bechterew. Auch hier sind die Fallzahlen mit circa 4000 bis 6000 Patienten im Raum Leipzig recht hoch.

Woran merkt man, dass es Morbus Bechterew sein könnte und nicht nur ein normaler Rückenschmerz?
Der entzündliche Rückenschmerz tritt typischerweise nachts auf. Die Schmerzen sind oft so stark, dass der Patient aufstehen muss. Durch Bewegung wird es meist besser. Parallel beobachten wir häufig Hautveränderungen wie eine Schuppenflechte, entzündliche Darmerkrankungen oder eine Entzündung der Regenbogenhaut in den Augen. Es sind vor allem junge Männer zwischen 15 und 35 betroffen. Nach dem 45. Lebensjahr bricht diese Krankheit eigentlich nicht mehr aus.

Was sind die Symptome für Gelenkrheumatismus?
Am häufigsten sind Frauen zwischen 20 und 30 oder 50 und 60 betroffen. Aber auch Kinder können schon erkranken. Man muss also nicht alt sein, um Rheuma zu bekommen. Meist beginnt die Krankheit harmlos: am Morgen lassen sich beispielsweise die Finger nicht mehr richtig bewegen. Im Laufe des Tages verschwindet diese Steifigkeit der Gelenke jedoch wieder. Es treten auch Schwellungen an den Sehnen auf oder die Gelenke werden in kurzer Zeit etwas dicker. Da die Gelenke nie rot werden und es bei Krankheitsbeginn keine Röntgenauffälligkeiten gibt, ist die Erkrankung frühzeitig mitunter schwer zu diagnostizieren.

Wie lässt sich Rheuma am besten behandeln?
Die größte Gefahr liegt darin, dass sich der Patient durch die Schmerzen weniger bewegt – aus Angst, dass es schlimmer werden könnte. Das ist jedoch falsch. Weniger Bewegung fördert die zunehmende Versteifung der Gelenke. Neben der Gabe von entzündungshemmenden Medikamenten wie Kortison, Anti-Malariapräparaten oder auch biologisch hergestellten Antikörpern verordnen wir Bewegungstherapie, um die Muskulatur zu kräftigen.

Wie sind die Heilungschancen?
Rheuma wird nie ganz geheilt werden können. Medikamente und viel Bewegung können aber die Schmerzen reduzieren. Die Schwellungen nehmen ab und die Gelenke lassen sich wieder besser bewegen. Die Lebenserwartung ist durch die Krankheit nicht herabgesetzt. Um Menschen zu helfen, ihren Alltag trotz der Erkrankung besser zu bewältigen, hat sich in Sachsen vor 25 Jahren die Selbsthilfeorganisation „Rheumaliga“ gegründet. Diese bietet Infoveranstaltungen und Gymnastikkurse an. Bei Problemen wie einem drohenden Jobverlust hilft eine Sozialarbeiterin – „Rheumalotsin“ genannt.

Was ist der Unterschied zwischen Gicht und Rheuma?
„Gleich ob Rheuma oder Gicht, beide Leiden mag man nicht“, ist ein bekannter Ausspruch unter Rheumatologen. Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung. Ein zu hoher Harnsäurespiegel im Blut führt dazu, dass sich Kristalle im Gelenk ablagern. Häufig tritt ein plötzlicher Schmerz im Zeh auf, seltener in den Handgelenken. Das Gelenk wird rot und sehr berührungsempfindlich. Mit Medikamenten und einer strengen Diät ist die Krankheit aber gut behandelbar. Es ist wichtig, dass der Patient auf stickstoffreiche Nahrung verzichtet. Dazu zählen vor allem Bier, Rotwein, Innereien, Spargel oder Nüsse. Ohne eine entsprechende Therapie werden Gelenke und Nieren irreversibel geschädigt.

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