Hormone im Gleichgewicht

Juni 04, 2026
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Wenn Wachstum oder Pubertät aus dem Takt geraten, brauchen Kinder spezialisierte Hilfe. Die Kinderendokrinologie am Klinikum St. Georg begleitet Familien einfühlsam

Eine Frau zeigt spielerisch an einem kuscheltier wie man jemanden spritzt

Dr. med. Constanze Vilser in der kinderendokrinologischen Sprechstunde. © Klinikum St. Georg

Manchmal beginnt es mit einem leisen Zweifel. Ein Kind wächst deutlich schneller – oder langsamer – als Gleichaltrige. Die Pubertät setzt sehr früh ein oder bleibt aus. Gewicht oder Energielevel verändern sich. Eltern fragen sich dann: Ist das noch normal? Hinter solchen Entwicklungen können hormonelle Ursachen stehen. Hormone steuern nahezu alle Vorgänge im Körper. Gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht, zeigt sich das häufig im Wachstum oder in der Entwicklung. Im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum St. Georg ist die Kinderendokrinologie auf genau diese Zusammenhänge spezialisiert. „Wir müssen immer den ganzen Organismus betrachten – nicht nur ein einzelnes Organ“, sagt Oberärztin Dr. med. Constanze Vilser.

Wenn Wachstumskurven Hinweise geben

Die Kinderendokrinologie beschäftigt sich mit Erkrankungen, die Wachstum, Stoffwechsel und Pubertätsentwicklung betreffen. In die Sprechstunde kommen Kinder und Jugendliche unter anderem bei:

• Wachstumsauffälligkeiten
• verfrühter oder verzögerter Pubertät
• Schilddrüsenerkrankungen
• Typ-1- oder Typ-2-Diabetes
• starkem Übergewicht mit
Stoffwechselproblemen

„Entscheidend ist der Blick auf die Wachstumskurve“, so Dr. Vilser. Gewicht und Größe werden im zeitlichen Verlauf bewertet. Abweichungen von der bisherigen Entwicklung liefern wichtige Hinweise.

Die Jahre zwischen U9 und J1

Zwischen der U9 im Vorschulalter und der Jugenduntersuchung J vergehen etwa sechs Jahre ohne regulären Vorsorgetermin. Genau in dieser Phase wachsen viele Kinder stark, und die Pubertät setzt ein. Abklärungsbedürftig sind zum Beispiel:

• ein deutliches Verlassen der bisherigen Wachstumskurve
• Pubertätsbeginn vor dem 8. Lebensjahr (Mädchen) bzw. 9. Lebensjahr (Jungen)
• fehlende Pubertätszeichen mit 13 bis 14 Jahren
• starker Durst, häufiges Wasserlassen oder unerklärliche Gewichts-veränderungen

Erste Anlaufstelle ist der Kinderarzt. Bei Bedarf erfolgt die Überweisung in die spezialisierte endokrinologische Sprechstunde.

Ein Team begleitet durch alle Phasen

Die Abteilung betreut Kinder und Jugendliche von 0 bis 18 Jahren – ambulant und stationär. Dasselbe Team begleitet Diagnostik, Therapie und Nachsorge. So bleiben alle Informationen im Haus, und Behandlungsschritte greifen ineinander. Zum Team gehören neben Ärzten auch Diabetesberater, Ernährungsfachkräfte, eine Psychologin und eine Physiotherapeutin. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes ist diese enge Abstimmung wichtig.

Moderne Diabetestherapie erleichtert den Alltag

Typ-1-Diabetes zählt zu den häufigsten Stoffwechselerkrankungen im Kindesalter. Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) und automatisierte Insulinpumpensysteme ermöglichen heute eine präzisere und alltagstauglichere Therapie. „Nach der stationären Einstellung mit Schulung für Kind und Eltern übernehmen wir die ambulante Weiterbetreuung mit demselben Team“, sagt Dr. Vilser

Fallbeispiel: Wenn schnelles Handeln entscheidend ist

Wie wichtig eine enge Abstimmung zwischen den Fachrichtungen ist, zeigt der Fall einer 15-jährigen Patientin mit einer Schilddrüsenerkrankung. Was zunächst wie eine kleine Entzündung an der Wange wirkte, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einer schweren bakteriellen Infektion. „Wir dachten zuerst, das ist nur ein Pickel“, erinnert sich die Mutter. Tatsächlich breitete sich die Infektion rasch aus und führte schließlich zu einer Sepsis. Die Jugendliche litt an Morbus Basedow und wurde medikamentös behandelt. Eine seltene Nebenwirkung dieser Therapie führte zu einem drastischen Abfall der Abwehrzellen. „Die Leukozyten waren praktisch bei null“, berichtet die Mutter. Dadurch konnte sich die Infektion ungehindert ausbreiten. Im Klinikum arbeiteten Kinderendokrinologie, Kinderchirurgie und Intensivmedizin eng zusammen. Das auslösende Medikament wurde sofort abgesetzt, die Schilddrüse operativ entfernt und die Infektion intensivmedizinisch behandelt. Mehrere Eingriffe waren notwendig. „Die Ärzte haben sehr schnell reagiert und alles miteinander abgestimmt“, sagt die Mutter. „Ohne dieses Team hätte meine Tochter das vermutlich nicht geschafft.“ Heute erhält die Patientin eine reguläre Schilddrüsenhormonersatztherapie. Abgesehen von einer kleinen Narbe kann sie ihren Alltag wieder normal bewältigen.

Aufklärung schafft Sicherheit

„Hormonerkrankungen sind komplex. Wir nehmen uns Zeit, Zusammenhänge verständlich zu erklären“, sagt Dr. Vilser. „Kinder und Eltern sollen verstehen, was im Körper passiert und wie wir gemeinsam behandeln.“ Die ambulante Sprechstunde für Kinderendokrinologie und -diabetologie findet im Ambulanzzentrum (Haus 61) statt. Ziel ist es, Auffälligkeiten früh zu erkennen und Kinder sicher durch Wachstum und Pubertät zu begleiten.

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