Außerklinische Beatmung

Wenn das Atmen schwerfällt

15.000 Atemzüge macht ein gesunder Mensch am Tag. Menschen, die zum eigenständigen Atmen nicht mehr in der Lage sind, können aufgrund der außerklinischen Beatmung wieder ein halbwegs eigenständiges Leben führen. Am Robert-Koch-Klinikum in Grünau wird diese Therapieform seit 2005 angeboten.

Was viele nicht wissen, ist die Tatsache, dass die größte Rolle beim Atmen das Zwerchfell spielt. Unterhalb der Lunge sitzend, verkürzt es sich beim Einatmen, sodass die Lungengrenze nach unten gezogen wird und Luft in die Lunge strömt. „Bei Menschen mit eingeschränkter Atemfunktion arbeitet das Zwerchfell nicht mehr richtig. Dieses funktioniert wie jeder andere Muskel im Körper auch. Wenn es selbst nicht mehr die nötige Kraft aufbringen kann, wird das Atmen mühsam, der Betroffene bekommt nicht mehr ausreichend Luft, wird kurzatmig und es kommt zu Atemnot“, erklärt Privatdozent Dr. Thomas Köhnlein, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Intensivmedizin am Robert-Koch-Klinikum. Die größte Gruppe, die auf eine außerklinische Beatmung angewiesen ist, sind Patienten mit einer weit fortgeschrittenen chronischen obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). „In Deutschland gibt es mehrere Hunderttausend COPD-Patienten, deren Akutproblem die überblähte, immer größer werdende Lunge ist. Diese hat dann nur noch die Möglichkeit, sich nach unten auszudehnen.  Damit drückt sie auf das Zwerchfell und eine ausreichend tiefe Atmung ist dauerhaft nicht mehr möglich“, so der Experte. „Eine Beatmungstherapie ist, um genau zu sein, in erster Linie eine Zwerchfelltherapie.“ Aber auch Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen (Myopathien, ALS, Dystrophien, SMA) und mit schweren Thoraxverformungen profitieren davon.

Generell wird bei der außerklinischen Beatmung zwischen zwei Verfahren unterschieden: die invasive und die nicht-invasive Beatmung. Die invasive Beatmung erfolgt über einen operativ angelegten Zugang zu den Atemwegen (Tracheostoma). Dies bedeutet jedoch eine erhebliche Verminderung der Lebensqualität. Deshalb wird stets versucht, die Patienten mit nichtinvasiver Beatmung zu behandeln. Darunter versteht man eine vorübergehende oder dauerhafte künstliche Beatmung mit speziellen Beatmungsgeräten außerhalb der Klinik. Dann werden Patienten über eine Atemmaske mit ausreichend Sauerstoff und dem nötigen Beatmungsdruck versorgt. 95 Prozent aller Patienten können mit der außerklinischen Beatmungsmaske behandelt werden. „Meistens wird die Maske nur über Nacht getragen. Das hat den Vorteil, dass sich der Patient tagsüber fitter fühlt, weil er einen besseren Schlaf mit ausreichenden Tiefschlafanteilen hinter sich hat. Viele Patienten brauchen von 24 Stunden nur sechs Stunden das Beatmungsgerät. In dieser Zeit transportiert das Beatmungsgerät die Luft in die Lunge, dadurch wird dem Zwerchfell die Arbeit abgenommen, es kann sich regenerieren und neue Kraft schöpfen“, erläutert Dr. Köhnlein. Die Beatmungsgeräte werden individuell für den jeweiligen Patienten angepasst. Sie erkennen, wie viel Luft in die Lunge strömt, und regulierten diese gegebenenfalls, sodass der zu Beatmende exakt die richtige Menge Luft erhält.


95 % aller Patienten können mit der
außerklinischen Beatmungsmaske behandelt werden.


Am Robert-Koch-Klinikum wird diese Therapie in einem kurzen stationären Aufenthalt eingeleitet. Gemeinsam mit einer speziell ausgebildeten Atmungstherapeutin werden Maske und Beatmungsgerät in zwei bis drei Tagen angepasst. Das Beatmungsgerät behält der Patient für unbestimmte Zeit. Eine Kontrolle ist alle paar Monate nötig, wobei sich der Kontrollabstand bei stabilen Patienten immer weiter vergrößert. Dann bleibt der Patient für eine oder zwei Nächte stationär, und sein Beatmungsgerät wird gegebenenfalls neu eingestellt.

Die außerklinische Beatmung bringt viele Vorteile mit sich, wie der Chefarzt weiß: „Diese Form der Behandlung bedeutet für die Betroffenen eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität. Sie erleiden weniger Luftnot, sind trotz ihrer schweren Lungenerkrankung mobiler, können sich dadurch freier bewegen und ihre sozialen Kontakte weiterhin pflegen.“